Inngedanken

Umzug

Als ich vor genau zwei Jahren auf meiner “offiziellen” Webseite meinen Blog begann (nachdem mir jemand erklärt hatte, was ein Blog ist…), entdeckte ich meine Lust am Schreiben. Um mehr über Alltag und Garten schreiben zu können und etwaige Schülereltern nicht gleich abzuschrecken, lagerte ich im Frühjahr den Blog aus auf diese Seite hier. Mit dem Ergebnis, dass ich viel zu viel Zeit damit verbringe. Und da ich doch kürzlich meinen Weltverbesserungsanfall hatte und überlegte, was jeder einzelne tun kann, fange ich bei mir an, indem ich meinen Stromverbrauch reduziere und nicht mehr so viel online bin.

Und ausserdem, bei der absolut überwältigenden Menge an schönen Blogs, die es inzwischen gibt: es muss auch Leser geben!! Wie in der Musik, wo wir auch so dringend uns gewogene Seelen brauchen, die uns einfach zuhören.

Deshalb zieht mein Blog in reduzierter Form wieder zurück in sein vertrautes Heim auf

www.martinasommerer.de.

Unter “Artikel” findet Ihr einige meiner klavierbezogenen Posts. Ich freue mich, Euch dort zu sehen!

Diese Seite bleibt noch einige Zeit zugänglich, falls jemand Lust auf alte Artikel hat.

Und, keine Angst: ich besuche Euch weiterhin fleissig – als Leserin!

 

Unser Einfluss in der Welt

In letzter Zeit sind mir beim Bloglesen ein Artikel und ein Kommentar untergekommen, über die ich immer wieder nachdenke. Frau Kreativberg denkt in einem ihrer schönsten Artikel über ihre “Machtlosigkeit angesichts der Machenschaften in der Welt” nach. Und April meinte in einem Kommentar bei mir, dass sie langsam erkennt, dass man vieles nicht beeinflussen kann und hauptsächlich bei sich und seiner Familie etwas erreichen kann.

So vieles, was wir gern ändern würden am Zustand der Welt oder der Gesellschaft, liegt völlig ausserhalb unserer Macht. Es ist schon eine Lebensaufgabe, nicht daran zu verzweifeln, dass man als denkender Mensch einiges einfach hinnehmen muss. Aber es gibt so viele kleine Dinge, die man eben doch in der Hand hat. Auch wenn es wirklich nur Kleinigkeiten sind, Tröpfchen auf dem berühmten heissen Stein, brauche ich doch diese Gewissheit, dass meine bewussten Taten Folgen haben, um nicht ganz deprimiert zu werden.

Wir haben mit der Wahl, wo und was wir einkaufen, viel mehr Macht, als wir glauben. Die ganze Bio- und Regionalkostwelle der letzten zwanzig Jahre gäbe es nicht ohne die Unterstützung von Einzelnen, die sich eben entscheiden, hier einen Unterschied zu machen. Und ich habe egoistische Motive: ich fühle mich einfach wohler, wenn ich weiss und beim Einkaufen direkt sehe, dass unsere Milch, Salate, Eier praktisch vor unserer Haustür in diesem gesegneten Landstrich entstehen. Ich will auf keinen Fall durch mein Einkaufsverhalten noch mehr Güterverkehr auf den Strassen unterstützen, ich schimpfe doch ohnehin schon so viel über die ständig mehr werdenden LKWs!

Und wenn eine fünfköpfige Familie wie die von Frau Kreativberg versucht, weitgehend als Selbstversorger zu leben, macht das sicher einen Unterschied. Man denkt vielleicht, dass das so ein bescheidener Anfang ist, dass er kaum wahrgenommen wird – doch wenn immer mehr Menschen so denken, werden die Grosskonzerne diesen Trend sicher auch wahrnehmen müssen und sich fragen, warum das so ist. Hoffe ich. (Vielleicht auch, wenn ich zur Müllvermeidung in dieser Hitzewelle jeden Morgen eine grosse Karaffe Eistee zubereite und in den Kühlschrank stelle – ich fühle mich auf jeden Fall besser dabei, als wenn ich Plastikflaschen kaufen würde.)

Indem wir unser ganzes Konsumverhalten hinterfragen, haben wir viel Einfluss auf das Schicksal vieler, vieler Menschen, die unter grässlichen Bedingungen in irgendwelchen asiatischen Fabriken ihr Leben fristen: braucht man wirklich ständig neue Klamotten? Müssen sie wirklich derartig billig sein? Wie viel braucht man überhaupt zum Anziehen?! Und: muss man alles bei 60° waschen?

Abgesehen von solchen praktischen Aktionen glaube ich, dass wir durch unser Verhalten und die Gedanken, die wir verbreiten, auch weitaus mehr Einfluss haben, als wir glauben. Als Eltern hat man wohl die grösste Verantwortung. Mir tut es immer weh, wenn ich mitbekomme, dass manche Eltern ihre Kinder eigentlich ablehnen und sich kaum um sie kümmern. Woher sollen die Kinder wissen, was gut oder böse ist? Wo sonst sollen sie Orientierung finden? Selbst wenn man wie wir keine Kinder hat, kann man im Umgang mit ihnen die Welt doch vielleicht ein bisschen formen. Kürzlich war ich ja etwas verzagt, ob das, was wir den rumänischen Waisen hier in ein paar Sommerwochen mitgeben können, irgendeine Konsequenz hat. Ich weiss es immer noch nicht, ich kann nur hoffen, dass es nicht umsonst ist.

Bei meinen Schülern bin ich mir ganz sicher, dass ich was bewirken kann, was übers Klavierspielen hinausgeht. Dass ich in dieser Hinsicht etwas weitergebe, sollte selbstverständlich sein – trotzdem macht es mich immer wieder glücklich und manchmal sogar sprachlos, wenn einer meiner Schüler in einem Konzert über sich hinauswächst. Aber wenn ich zufällig höre, wie die Kinder beim Abholen oder Schuheanziehen zu ihren Eltern sagen “aber die Frau Sommerer sagt…”, dann wird mir wieder bewusst, wie viel wir in den Köpfen unserer Schüler verändern können. Wie viel Verantwortung wir auch haben. Wie sehr wir vielleicht ein Vorbild sind, ohne es zu wissen.

Und ich bin mir ganz sicher, dass ich die Welt verbessere, indem ich den Kindern meiner Freundinnen Astrid-Lindgren-Bücher schenke!

…ein bisschen Luft

Leises Grillenzirpen, die angenehme Spätnachmittagssonne im Garten und das Gefühl, überhaupt keine Pläne für heute zu haben – eine perfekte Einstimmung auf die sechs schulfreien Wochen, die sich so endlos lang und voller Möglichkeiten vor mir erstrecken. Rechtzeitig zum Ferienbeginn kam ein Päckchen mit antiquarischen Büchern, die ich mir selber zum Geburtstag bestellt hatte, und jetzt warten sie geduldig darauf, dass ich sie in den langen faulen Nachmittagsstunden zur Hand nehme. Und wenn ich dabei einnicke, macht es auch nichts… Dabei fühle ich mich noch gar nicht ferienreif! Ich weiss nicht, ob das glaubhaft klingt, denn alle Lehrer in meinem Bekanntenkreis jammern sehr, dass es höchste Zeit wurde etc. Aber mir kommt mein Leben nach wie vor wie Urlaub vor, seit ich von 58 auf 38 Schüler reduziert habe. Wenn man es anders gewohnt ist, ist das einfach ein Spaziergang. Und seit ich nicht mehr an der Musikschule bin, sitze ich nicht mehr so viel im Auto – das trägt auch zu einer entspannteren Einstellung bei, weil ich nicht mehr ständig damit hadere, wie viel meiner kostbaren Lebenszeit sinnlos beim Autofahren verbracht wird.

Trotz offiziellen Ferien kommen diese Woche fast alle meine Privatschüler, und ich freue mich richtig! Die lange Zeit ohne einander ist für beide Seiten anscheinend schwierig. Es sind ein paar Nachholstunden dabei, aber weitaus weniger als früher, als ich zu nett und zu kulant war und dann mit dem Nachholen wirkliche Terminprobleme bekam. Stunden, die am selben Tag abgesagt werden, aus welchem Grund auch immer, entfallen ersatzlos. Und seit ich mich selber an meine eigenen Regeln halte, funktioniert es wunderbar. Neben den Nachholern kommen auch ein paar Schüler, die von sich aus gefragt haben, ob sie nicht noch mal erscheinen können, weil ihnen die Zeit sonst zu lang wird. Eigentlich sind es “Vorholstunden”, aber eleganterweise nennen wir es Bonusstunden. Und das ist genau das bisschen Luft, das man zwischendurch mal zum Atmen braucht. Ich weiss, wie erleichtert meine Schüler sein werden, wenn sie in anstrengenden Zeiten in der Schule einfach diesen Bonus nutzen können. Und wie erleichtert ich aufatmen werde, wenn ich weiss, ein Unterrichtstag wird um eine Stunde kürzer. Es gibt nämlich bei aller Liebe Tage, an denen ich gegen Abend keine Musik mehr hören kann. Und wenn ich dann an einem nebligen Novembertag früher als erwartet die Schürze umbinden und backen kann, oder mich an einem eingeschneiten Januartag vor dem Kaminfeuer zusammenrollen kann – dann ist das auch für mich ein wirklicher Bonus. Jetzt sind wir noch alle ganz motiviert und irgendwie mittendrin, und diesen Schwung werden wir nächste Woche ausnutzen, um für Zeiten zu arbeiten, in denen es nicht so ist.

Meine Schüler übrigens – sie sind solche Schätze! Ich war ganz gerührt, mit was für lieben Aufmerksamkeiten ich in der letzten Schulwoche bedacht wurde. Eine kleine weisse Orchidee, genau in der richtigen Grösse für den Wohnzimmertisch. Viele wunderschöne andere Blumen. Eine schöne Duftkerze für den Kamin (von einer Mutter, die auf die zahlreichen angezündeten Windlichter am völlig verregneten letzten Unterrichtstag zeigte und meinte, sie schickt ihre Mädchen auch deshalb zu mir, weil sie hier so viel Lebensart mitkriegen – ist das nicht nett? So hab ich das noch nie gesehen!) Feine Süssigkeiten und Marmeladen. Und von den Freundinnen zum Geburtstag: Rosenhonig und Rosentee, und eine wunderschöne Napfkuchenform aus Keramik, weiss mit rosa Blümchen. Lauter so nette und romantische Sachen, die mein Leben noch schöner machen, aber in einer Menge, dass ich jedes Jahr wieder fast überfordert bin.

Und so sitze ich hier, ganz platt vor Dankbarkeit, und bin froh, dass doch noch nicht so ganz Ferien sind und wir diese Woche noch mal Musik machen.

Und dann mein fester Vorsatz für die Ferien: ausdauernd und genussvoll Pfirsiche zu essen! Damit ich nicht, wie zur Erdbeerzeit, ganz verwundert und traurig feststelle, dass die Saison schon wieder vorbei ist.

Dressur vs. Entwicklung

Eine Schülermutter lieh mir kürzlich Amy Chuas sehr konrovers diskutiertes Buch “Battle Hymn of the Tiger Mother”, der chinesisch-amerikanischen Juraprofessorin, die ihre Kinder mit zum Teil drakonischer Härte zu Bestleistungen trimmt. Wie meine Schülermutter sagte: es ist was ganz anderes, das Buch zu lesen als die vielen Feuilleton – und andere Artikel, die über die Frau erscheinen. Wenn man nur Auszüge liest, kann man sich leicht der vorherrschenden Meinung anschliessen, dass sie zu Recht die meistgehasste Mutter Amerikas ist. Das Buch liest sich überraschend gut – vieles von ihrer Selbstironie geht in der allgemeinen Diskussion unter.

Dennoch – ich muss viel über diesen Anspruch an sich selbst und seine Kinder nachgrübeln. (Und, ganz am Rand: ihr amerikanischer Mann muss ein Heiliger sein, um die beschriebenen häuslichen Szenen auszuhalten). Chua zeichnet ein plausibles Bild von ehrgeizigen Immigrantenfamilien, ihrem Erstaunen über den laschen westlichen Erziehungsstil und ihrer Angst, dass die Leistungen der Familie in der dritten Generation, also der ihrer Töchter, nachlassen könnten. In diesem grösseren Zusammenhang sollte man ihre Ausführungen auch lesen. Doch wenn sie sagt, dass chinesische Eltern für ihre Kinder als einzig mögliche Berufe Arzt, Anwalt oder Professor sehen, muss ich stutzen. Unsere Gesellschaft würde schnell aufs Schlimmste zerbröckeln, wenn wir nur noch höchst ausgebildete Nachkommen hätten. Genau so in der Musik: es kann einfach nicht jeder ein Spitzensolist werden, wir brauchen den ganzen Unterbau von “normalen” Musikern, um überhaupt noch Orchester oder Musikschulen zu haben.

Was ich wirklich kritisch sehe, ist, dass sie, die selbst kaum musikalische Vorbildung hat, die Musik als weitere Tummelfeld sieht, um den Charakter ihrer Töchter zu bilden und sie zu Spitzenleistungen zu bringen. Ich hatte nicht den Eindruck, dass es um die Sache an sich geht, oder Freude an der Musik, oder gar eine Nische zur Selbstentfaltung. Es geht nur darum, dass ihre Töchter möglichst früh möglichst schwere Stücke spielen, Wettbewerbe gewinnen, Gehorsam und Disziplin auf einer weiteren Ebene lernen, nachmittags nicht rumhängen oder sich gar mit anderen Kindern treffen. So traumhaft es für mich als Lehrerin wäre, wenn meine Schüler jede Woche perfekt vorbereitet wären, und das jahrelang – erst mal würde ich erschrecken und mich fragen, was da schiefläuft und ob mein Schüler kein anderes Leben hat, und wenn ich die Hintergründe wüsste, würde ich denken: nicht um den Preis. Auf gar keinen Fall. Mir würde es keinen Spass machen,, mich mit hervorragenden Schülern zu brüsten, dier unverhältnismässig viele Opfer für diese Leistung bringen müssen. Wozu? Man muss nicht mit zehn Jahren schon alles gespielt haben. Mir ist es viel lieber, die Ausbildung läuft moderat langsam, aber solide, und die Kinder haben Gelegenheit, sich emotional auch ausserhalb des Musikunterrichts zu entwickeln, damit sie ihre Stücke mit Leben erfüllen und glaubhaft spielen können. Es muss Raum und Gelegenheit geben, dieses Leben kennenzulernen. Chua schirmt ihre Töchter ziemlich ab – zwischen Schule, Musikschule und Familie scheint es nicht viel zu geben. Ich hätte Angst, dass da Defizite entstehen, die viel schlimmer sind als etwaige technische Defizite in der musikalischen Ausbildung. Wenn ein Kind gern und mit Freude vier Stunden am Tag übt, freue ich mich. Wenn man es unter Androhung von Strafen und unter Aufbringung von unheimlich viel Energie dazu bringt, jeden Tag seines Lebens, egal ob krank oder Ferien oder Geburtstag, unter Aufsicht vier Stunden zu üben, dann stimmt für mich was nicht.

Ich möchte auch keine Schüler, die kritiklos alles übernehmen, was ich ihnen anbiete. Ich liebe Diskussionen mit meinen  Schülern (naja, meistens…!), egal, welches Alter, weil ich ihnen damit helfen kann, ihren eigenen Geschmack und eine eigene Meinung zu entwickeln. Wenn das Resultat ist, dass ein Komponist erst mal jahrelang abgelehnt wird – auch in Ordnung, es gibt genug andere, und meistens kommt man in seinem Entwicklungsprozess irgendwann an den Punkt, an dem man alte Meinungen revidiert. Wichtig ist mir, dass sie überhaupt einen Standpunkt haben und sich auch trauen, den zu vertreten. Und, wenn sie nach einem Schülerkonzert gefragt werden, warum sie dieses Stück gewählt haben, nicht stammeln und stottern, sondern selbstbewusst ihren persönlichen Bezug zu dem Stück erklären können.

Wir brauchen keine weiteren Tausend Wunderkinder, die uns verblüffen. Wir brauchen Kinder, die gern und von ganzem Herzen Musik machen,  die ihre Seele in die Musik legen können und dadurch zu innerem Gleichgewicht kommen, die ein Leben lang Freude an der Musik haben werden, egal, ob sie weiterhin selber spielen oder die Konzertbesucher von morgen werden. Würde Amy Chua auf der Suche nach einem Lehrer meinen Lebenslauf lesen, würde sie mir ihre Tochter sicher nicht anvertrauen: meine Schüler haben nur bescheidene Erfolge in bescheidenen regionalen Wettbewerben und sind nur ganz normale Kinder. In dem Sinne bin ich keine erfolgreiche Lehrerin. Doch wenn mich ehemalige Schüler Jahre nach dem Abitur anrufen, mich aus Gewohnheit mit meinem Mädchennamen ansprechen und erzählen, dass sie in einem tollen Klavierabend waren oder mal wieder Zeit hatten, jene Beethovensonate zu spielen – dann fühle ich mich enorm erfolgreich und beglückt!